Donnerstag, 1. Januar 2015

Die Unsichtbaren.
Eine Reise zu den letzten Juden Osteuropas
 
(in Vorbereitung, erscheint voraussichtlich im Herbst 2015 im C- H. Beck Verlag)
 
Seit zwei Jahren recherchieren wir für unseres neues Buch über Juden und das jüdische Leben in sieben osteuropäischen Ländern - Tschechien, Slowakei, Ungarn, Belarus, Ukraine, Polen, sowie über die Jüdische autonome Republik Birobidschan im russischen Fernosten. Die Idee, dieses Buch zu schreiben, hatten wir schon 2007, nach unserer ersten Reise in die Ukraine. Es kam aber anders: Wir lernten in der Slowakei Eva Fleischmanová kennen, die 20 Jahre alt war, als sie im Juni 1944 zusammen mit ihrem Verlobten Geza nach Auschwitz deportiert wurde. Sie war eine der sieben schwangeren Jüdinnen, die im Winter 1944/1945 in einem Außenlager von KZ Dachau ein Kind zur Welt brachte. Diese Geschichte muss aufgeschrieben werden, wurde uns sofort klar. Nun kehrten wir zu unserem Projekt zurück.
 
Warum ausgerechnet ein Buch über Juden, die einst hinter dem Eisernen Vorhang lebten?
 
Wir wissen heute viel über den Massenmord an europäischen Juden und über die Kriegszeit, auch kennen wir die Zahlen der Toten. Fast unbekannt blieben dagegen die Schicksale derer, die überlebt haben und in ihrer alten Heimat geblieben sind. 80 Prozent der heute lebenden Juden haben ihre Wurzeln in den einst kommunistischen Ländern Ostmitteleuropas. Heute leben dort nur noch etwa vier Prozent der Juden weltweit. Im Gegensatz zu ihren Glaubensschwestern und Glaubensbrüdern in den westlichen Demokratien mussten sie nicht nur mit dem Trauma der Shoah leben. Aufgrund ihrer jüdischen Identität wurden sie auch nach 1945 stigmatisiert, verfolgt, einem harten Assimilierungsdruck ausgesetzt, im Alltag diskriminiert, von antisemitischen Kampagnen und Übergriffen bedroht. Allein schon der Besuch einer Synagoge konnte in der sozialistischen Tschechoslowakei der 1970er und 1980er Jahre eine Vorladung von der geheimen Staatspolizei mit sich bringen. Schicksale der osteuropäischen Juden blieben fast unbekannt. Allgemeines Desinteresse, Unkenntnis der Sprache, Fortbestand der Stereotypen aus der Zeit des Kalten Krieges, die in osteuropäischen Juden pauschal "die Kommunisten" sahen, dürften die Hauptursachen dafür sein.
Die Probleme der heutigen jüdischen Gemeinden illustrieren sehr gut das Wort von einer Vergangenheit, die nicht vergehen will. Von der politischen Wende versprachen sich die Juden Ostmitteleuropas auch das Ende ihrer unsichtbaren Existenz. Die Rückbesinnung auf die eigene jüdische Herkunft fällt vielen von ihnen jedoch schwer. Das hat auch damit zu tun, dass in vielen mittel- und osteuropäischen Ländern, die seit dem Untergang der kommunistischen Regime im neuen Europa um ihre nationale Selbstbestimmung und Identität ringen, antisemitisches, revisionistisches und nationalistisches Gedankengut eine Konjunktur erlebt.
 Wir fragen, wo das jüdische Leben noch eine Zukunft hat, und wo wiederum die Gefahr besteht, dass das reiche jüdische Erbe in Kommerz und Kitsch abgleitet? Mit den Recherchen für dieses Buch begannen wir bereits 2007 - in der Ukraine, die wir im Herbst 2014 wieder bereisten. Die aktuellen Ereignisse, die wir nicht vorhersehen konnten - der Krieg im Osten, Konflikt mit Russland -  wirkten sich auf unsere Reise aus. Die jüdische Gemeinde des Landes ist gespalten, viele ukrainische Juden, mit denen wir sprachen, schauen mit Sorgen in die Zukunft. Auch darüber werden wir berichten.

Untersuchungen einer ganzen ethnischen Gruppe über geografisch weite Gebiete und lange Zeiträume haben wir nicht vor. Zu diesem Thema gibt es erstens schon Literatur (vor allem im englischsprachigen Raum), zweitens liegen uns als Journalisten exemplarische Einzelschicksale viel mehr als die eher abstrakte Betrachtungsweise. Die Geschichte der Menschen und Gruppen, die wir porträtieren, sind eingebettet in die Mikrogeschichten der Regionen, in denen sie heute leben. Einige gehörten vor dem Zweiten Weltkrieg oder während der Kriegszeit nicht zu den Staaten, deren Teil sie heute sind.
Wir reisen zu den letzten Juden Mittel- und Osteuropas. Mit einigen von ihnen verbindet uns eine Freundschaft. Anhand von ausgewählten Porträts, Essays und Reportagen berichten wir über das jüdische Leben in Karlsbad und Prag (Tschechien), Bratislava und Kosice (Slowakei), Budapest und Nyiregyhaza (Ungarn), Krakau und Warschau (Polen), Lviv, Kiew und Odessa (Ukraine), Kaunas und Vilnius (Litauen), Minsk und Nowogrudok (Belarus) sowie über Birobidschan (Russland).

Für die Recherchereisen erhielten wir ein Grenzgänger-Stipendium der Robert Bosch-Stiftung und des Literarischen Colloquiums in Berlin, eine Förderung der Stiftung "Die Schwelle" sowie der Ursula Lachnitt-Stiftung. Ohne diese Unterstützung wären unsere Recherchen in diesem Umfang nicht möglich gewesen. Dafür sind wir sehr dankbar.

Das Buch erscheint im Münchner Verlag C.H. Beck voraussichtlich im Herbst 2015.
 
 




 

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